Russland: Neuer Prozess um Anna Politkowskaja

So ganz versteht man ja die russische Justiz nicht wirklich: Nachdem es noch im Februar 2009 einen Freispruch für die Angeklagten im Prozess der im Oktober 2006 ermordeten Anna Politkowskaja gegeben hat, hat das oberste russische Gericht den Freispruch kassiert und neue Verhandlungen angeordnet. Neuer Richter, neue Geschworene, gleicher Ort – was soll dabei herauskommen? Ein Urteil, das die Angeklagten hinter Gittern schickt, obwohl sie vermutlich nicht verantwortlich sind?

Anna Politkowskaja war eine engagierte Journalistin und Menschenrechtlerin, die sich aufgrund ihrer Kritiken weder Freunde im Kreml noch bei den Machthabern in Tschetschenien schaffen konnte. Sie prangerte brutales Vorgehen sowohl von russischer Seite als auch von tschetschenischen Einheiten immer wieder an. Völlig offen bis heute ist der Hintergrund des Mordes, der am hellichten Tag geschah, als sie im Aufzug ihres Hauses erschossen wurde.

Und ob in einem neuem Prozess wirklich diese Hintergründe aufgehellt werden, ist doch eher fraglich. Angeklagt waren im ersten Prozess  ein russischer Polizist und die tschetschenischen Brüder Ibrahim und Dschabrail Machmudow, deren dritter Bruder Rustam der mutmaßliche Todesschütze gewesen sein soll – aber das sind wirklioch nur Mutmaßungen. Ich denke, die wahren Drahtzieher werden auch im aktuellen Prozess nicht ermittelt.

Da Politkowskaja eine heftige Kritikerin von Wladimir Putin war, kam schnell die Meinung auf, dass der Kreml in den Mord an der unbequemen Journalistin verwickelt war. Natürlich gab es sofort Dementis vom Kreml und von Putin. Da mag sich jeder selbst seine eigene Meinung bilden. Vergessen werden sollte dabei nicht, dass der Anwalt Stanislaw Markelow, der am 19. Januar 2009 auf offener Straße in Moskau erschossen wurde, die Familie von Anna Politkowskaja im ersten Prozess vertreten hat. Tragischerweise kam bei diesem Attentat auch eine junge Journalistin der Zeitung „Nowaja Gaseta“, für die auch Politkowskaja geschrieben hatte, bei diesem Attentat ums Leben.

Journalisten und Anwälte leben generell gefährlich in Russland, immer wieder gibt es neue Schreckensmeldungen über ermordete Journalisten, insbesondere wenn diese sich kritisch gegenüber dem Regime geäußert hatten. Auch der Chefredakteur von Russland-aktuell, Gisbert Mrozek, den ich vor ein paar Jahren kennen- und schätzen gelernt habe,  hat solch schlimme Erlebnisse selbst erlebt: Seine Frau Natalia Alkajina-Mrozek, damala auch Focus-Korrespondentin und im Auto auf dem Weg, um aus dem südrussischen Städtchen Budjonnowsk für Focus über das damalige Geiseldrama zu berichten, wurde 1995 von einem russischen Rekruten getötet – im Beisein ihres Mannes. Da kann man froh sein, wenn man als Journalist in Deutschland arbeitet – und es ist nicht sehr verwundertlich, dass Russland-aktuell wenig kritisch, wenn auch korrekt über das Tagesgeschehen in Russland berichtet. Hintergründe über diesen Mord gibt es übrigens hier nachzulesen.

Warten wir ab, was der neue Prozess wirklich bringt – ich persönlich tippe auf eine Verurteilung der Angeklagten.

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Elmar FriebeDas ist ein Beitrag von: Elmar Friebe

Ausgebildet als Lehrer mit Zweitem Staatsexamen war ich in den 80er-Jahren von einem bundesweiten Einstellungsstopp betroffen. So landete ich Ende der 80-Jahre bei einem Computer-Magazin und bin seitdem als IT-Journalist tätig - und bereue es in keinster Weise. Dieser Blog ist eine rein private Webseite - und ich freue mich immer über interessante, positive oder kritische Kommentare zu den Beiträgen. Zu finden bin ich auch bei Google+ und bei Facebook.

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