München siegt im Nahverkehrstest des ADAC – und mein Kommentar dazu

Als regelmäßiger S-Bahn-Fahrer reibt man sich schon ein wenig die Augen, wenn man die Ergebnisse des aktuellen ADAC-Tests von 23 europäischen Städten (Moskau fehlt übrigens im Test, da wäre zumindest die Bewertung für Preise, Tempo und Information bei der Metro ein vorderer Platz sicher gewesen!) zur Qualität des Nahverkehrs anschaut. Danach landet München auf Platz 1. Gelobt werden Tempo, Umsteigekomfort, Informationsangebot und der Internetauftritt des MVV.  Gut, das Tempo ist ja meist okay, über Umsteigekomfort kann man zumindest streiten, das Informationsangebot ist auf jeden Fall mit gemischten Gefühlen zu betrachten, und die Homepage finde ich persönlich eher verwirrend. Und vergessen darf man auch nicht die Fahrpreise – viele Reisende, die am Flughafen ankommen und mit der S-Bahn ins Znetrum wollen, trifft erst einmal der Preisschock. Da ich regelmäßig mit der Flughafenlinie S8 fahre, höre ich da immer wieder Beschwerden von Reisenden.Um mal aus der Sicht eines täglichen S-Bahn-Pendlers von Hallbergmoos (zwei Stationen vor dem Flughafen) Richtung Zentrum und zurück ein wenig zu kommentieren:

– Pünktlich kommt meine S-Bahn morgens eher selten, ebenso in der Gegenrichtung.

– Der Komfort an meinem S-Bahnhof ist unterdurchschnittlich: Wer mit Bus oder Auto am Bahnhof ankommt und Richtung Flughafen will, muss eine Unterführung überwinden: Treppen abwärts, Treppen aufwärts. Ob mit schweren Koffern oder als Mutter mit Kinderwagen – das ist nicht ganz einfach und sorgt immer wieder für Klagen und fragende Blicke nach Hilfe.

– Oft hört man Durchsagen über Verspätungen per Lautsprecher – und manchmal passiert es, dass genau gleichzeitig mit der Durchsage die entsprechende S-Bahn einfährt. Dumm, wer sich auf die Durchsagen verlassen hat…

– Die Qualität der Ticket-Automaten hat sicherlich zugelegt, die Bedienung, die mal völlig undurchsichtig war, ist einfacher. Allerdings müsste man ja sein Ticket vor Besteigen des Zuges noch stempeln. Leider ist der Stempelautomat oft funktionsunfähig, und dann sieht man häufig manche Reisende hektisch nach anderen Automaten suchen – oder ohne Stempeln in die S-Bahn steigen. Funktionieren die Automaten auf Flughafenseite nicht, müsste man wieder die Unterführung nützen…

– Der Gipfel des hervorragenden Informationsangebots war am vergangenen Freitag, als bei der Einfahrt der S-Bahn in den Bahnhof Ismaning (eine Station vor Hallbergmoos) die Durchsage kam, alle müssten aussteigen, da es im weiteren Verlauf eine Störung gebe. In wenigen Minuten solle aber ein anderer Zug kommen, mit dem es weitergehen könne. An den Tafeln am Bahnhof gab es Hinweise auf einen Polizeieinsatz am Flughafen – ob es stimmt, keine Ahnung. Die nächsten Züge Richtung Flughafen wurden angezeigt, die Zeit lief ab, kein Zug kam. Nach rund zwanzig Minuten kam ein Zug – doch der endete ebenfalls in Ismaning – alle im Zug mussten aussteigen. Der Bahnhof – zugig, kalt – füllte sich immer mehr, viele wurden immer unruhiger. Und dann ständige Lautsprecherdurchsagen zur Linie S1 – die führt zwar ebenfalls zum Flughafen, doch über Ismaning ist die S1 noch nie gefahren. Alle Durchsagen übrigens nur in Deutsch und kaum verständlich – Pech für unsere zahlreichen ausländischen Gäste, denen wir dann das, was wir verstanden hatten, übersetzten. Nach fast einer Stunde kam dann doch wirklich ein Zug, der weiter zum Flughafen fuhr – schon voll, aber alle Wartenden am Bahnhof wollten ja auch noch hinein. Da hieß es, Durchsetzungsvermögen zu haben oder weiter zu frieren. Naja, und dann doch in Hallbergmoos angekommen, war der Bus wegen der Verspätungen auch nicht mehr da, und es hieß wieder lange frieren und zittern in eisiger Kälte- oder Taxi nehmen (die haben ein Geschäft gewittert und kreisten um Ismaning und Hallbergmoos….).

– Und was mich ebenso stört: Am Abend, wenn neben den Reisenden zum Flughafen auch noch viele Pendler zurückwollen, setzt der MVV statt Langzügen mit drei Waggons mitunter nur Züge mit zwei Waggons ein – so auch heute wieder um 18 Uhr. Folge: Wer nich trechtzeitig einen Platz findet, steht fast bis zum Flughafen. Das hat mit „Freude am S-Bahn-Fahren“ wenig zu tun und stellt für mich eine völlig Fehlplanung dar. Denn dass um diese Zeit der Zug in der Regel überfüllt ist, dürfte auch dem MVV längst bekannt sein. Aber zum Ausgleich fahren dann Langzüge zu Zeiten, in denen ein Waggon ausreichen würde. Da sind clevere Leute bei der Disposition am Werk…

– Oft genug ist es mir auch bei anderen S-Bahnen passiert, dass zwar Störungen bekannt sind. Doch Hinweise in der S-Bahn wurden nicht etwa beim Halt an einem der Bahnhöfe durchgegeben, sondern erst hielt der Zug auf freier Strecke, dann kam die Durchsage. Keine Chance für die Passagiere, zu reagieren – auf der Strecke die Bahn zu verlassen geht nicht… Das ist mir oft genau auf der Fahrt zwischen Pasing und Zentrum passiert – ab Pasing hätte man ja sonst aussteigen und mit Bus oder Tram weiterfahren können. Nein, in Pasing gab es aber keine Durchsage…

Als täglicher Pendler kann ich mit den genannten Erfahrungen die Bewertung des ADAC also nur mit Bedenken und leisem Kopfschütteln nachvollziehen.

Übrigens: Die U-Bahn, mit der man sich nach meinen Erfahrungen am einfachsten zurechtfindet, gibt es in Hongkong. Die haben ein auch für Touristen narrensicheres System.

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Elmar FriebeDas ist ein Beitrag von: Elmar Friebe

Ausgebildet als Lehrer mit Zweitem Staatsexamen war ich in den 80er-Jahren von einem bundesweiten Einstellungsstopp betroffen. So landete ich Ende der 80-Jahre bei einem Computer-Magazin und bin seitdem als IT-Journalist tätig - und bereue es in keinster Weise. Dieser Blog ist eine rein private Webseite - und ich freue mich immer über interessante, positive oder kritische Kommentare zu den Beiträgen. Zu finden bin ich auch bei Google+ und bei Facebook.

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