Minister Jung tritt zurück: Ein Rückblick – oder wer trägt Verantwortung?

Es war abzusehen, auch wenn er sich gestern noch öffentlich gewehrt hat: Ex-Verteidigungsminister Jung hat seinen Hut genommen. Ich denke, er hätte sich auch nicht mehr lange halten können. Was ist passiert? Ich versuche hier mal, eine kleine Chronik der Ereignisse zusammenzustellen.

4. September 2009:

Zwei Tanklastwagen werden von den Taliban entführt. Der zuständige deutsche Oberst, der schon einige Attentate durch Anschläge mit solchen Tanklastern erlebt hat, kann entweder nichts tun, einen Bodenangriff starten oder einen Lufangriff. Er entscheidet sich für einen Luftangriff. Dieser erfolgt auch – konsequent, ohne Warnung an möglicherweise vorhandene Zivilisten, und brutal, denn die Luftaufklärung zeigt deutlich viele Menschen um die Tanklastzüge versammelt.

Schnell kommen Meldungen über zivile Opfer.

6. September 2009:

Verteidigungsminister spricht von vielen Toten, ber nur von toten Terroristen, schließt aber zivile Opfer aus.

8. September:

Bundeskanzlerin Merkel versprich eine lückenlose Aufklärung. Inzwischen schließt auch Jung nicht mehr aus, dass es zivile Opfer gegeben haben könnte.

29. Oktober 2009:

Ein geheimer NATO-Bericht liegt vor. Doch der wird – geheimer Bericht eben – nicht veröffentlicht. Der neue Verteidigungsminister zu Gutenberg überlässt dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, die Kommentierung. Der hält den Luftangriff für militärisch angemessen (siehe auch meinen Kommentar vom 29.10.09).

6. November 2009:
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bezeichnet den Luftangriff ebenfalls als militärisch angemessen, äußert aber schon Zweifel am damaligen Verfahren und schließt „Verfahrensfehler“ nicht aus. (Toller Ausdruck für mehr als 100 Tote…)

26. November 2009:

Es scheint so, dass Teile der Bundeswehr oder auch der damalige Verteidigungsminsister mehr gewusst haben als zugegeben. Jung gerät unter Beschuss. Hat er Berichte nicht erhalten – oder nicht gelesen? Ersteres ist schlimm, zweiteres spricht für Unfähigkeit. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, muss gehen. Was hat er noch einen Monat vorher erzählt? Ebenso muss Staatssekretär Peter Wichert seinen Platz räumen. Die ersten Bauernopfer sind gemacht…

27. November 2009:

Franz-Josef Jung erklärt seinen Rücktritt.

So weit, so gut: Das Problem an sich, die lückenlose Aufklärung, die Bundeskanzlerin Merkel großmundig versprochen hat, ist damit aber bisher in keinster Weise erfüllt.

Das Polittheater – mit leider wohl mehr 100 zivilen Opfern  – wird noch weitergehen. Wer hat was wann wirklich gewusst?

Aber mal ehrlich: Wer hat was anderes erwartet, als dass da nach einem solchen Vorfall vertuscht, verheimlicht, gelogen wurde?

Und ob der deutsche Oberst, der den Luftangriff befohlen hat, wirklich die volle Verantwortung trägt, wird man kaum jemals erfahren. Die Gefahr neuer Attentate war ja nicht aus der Luft gegriffen, sondern mehr als real und erlebt. Das kann ich mehr als nachvollziehen. Und dass er keine Bodentruppen gefährden wollte und Menschenleben aufs Spiel setzen wollte, rechne ich ihm sehr hoch an.

Was da aber wirklich in Kundus ausgemacht wurde, dürfte kaum ins Tageslicht geraten. Warum haben etwa die Piloten nicht erst durch einen dichten Überflug die Menschen gewarnt? Ganz nach dem Motto „Hände hoch, oder ich schieße!“. Es hätte viele zivile Leben retten können.

Wäre das zuviel gewesen, oder wurde das per Befehl verweigert, um ein Exempel zu statuieren?

Warten wir es ab, was Bundeskanzlerin Merkel unter lückenloser Aufklärung versteht. Jedenfalls hat der allseits smarte Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg die ersten Schrammen in seiner Laufbahn bekommen…

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Elmar FriebeDas ist ein Beitrag von: Elmar Friebe

Ausgebildet als Lehrer mit Zweitem Staatsexamen war ich in den 80er-Jahren von einem bundesweiten Einstellungsstopp betroffen. So landete ich Ende der 80-Jahre bei einem Computer-Magazin und bin seitdem als IT-Journalist tätig - und bereue es in keinster Weise. Dieser Blog ist eine rein private Webseite - und ich freue mich immer über interessante, positive oder kritische Kommentare zu den Beiträgen. Zu finden bin ich auch bei Google+ und bei Facebook.

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