Der Papst – und das Schweigen der Lämmer

Da war doch heute der Vorsitzender der Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, zur Berichterstattung beim Papst. Dabei ging es natürlich auch um die zahlreichen Missbrauchsfälle, die inzwischen an die Öffentlichkeit gelangt sind (und die sicher immer noch nur die Spitze des Eisbergs sind, wie ich schon Ende Februar geschrieben habe). Und laut Tagesschau ist der Papst wirklich „betroffen“… Wie heißt der Papst noch mal – wir kannten ihn vorher als Kardinal Ratzinger. Und eben jener hat laut einem Bericht von TheObserver noch 2001 ein Schreiben bestätigt, wonach Fälle von sexuellem Missbrauch mit strengstem Stillschweigen zu behandeln seien, denn eine damals rund 40 Jahre alte Anordnung sei immer noch in Kraft. Eine solche geäußerte Betroffenheit, Papst Benedikt XVI., ist dann nicht gerade sehr glaubwürdig… (das Thema Glaubwürdigkeit wird jetzt noch häufiger kommen, kein Wunder…)

Gut, eines darf man nicht übersehen: In der Kirche arbeiten auch nur Menschen, und Missbrauchsfälle sind damit in kirchlichen Einrichtungen ebenso vorgekommen wie in anderen Einrichtungen. Und auch dass man nicht eine ganze Gemeinschaft wegen des Verfehlens Einzelner als Täter hinstellen darf, dürfte ebenso klar sein, auch wenn ich in manchen Diskussionen und Kommentaren eine ungerechtfertigte Generalanklage wiederfinde.

Nicht die Schule, nicht die Kirche, nicht der Staat ist hier schuldig, sondern immer nur einzelne Menschen – auch wenn man sich die Frage stellen mag, ob eben solche Institutionen aufgrund ihrer Organisationsformen nicht einen geeigneten Nährboden bereitet haben. Stimmt der Bericht  von TheObserver, dann allerdings kann man der katholischen Kirche, besser: den Verantwortlichen darin, durchaus eine Mitschuld geben. Ob die Fälle nun 30, 40 oder mehr Jahre zurückliegen, spielt dabei keine Rolle.

Erschreckend finde ich dann aber um so mehr die Haltung mancher Kirchenrechtler wie etwa die von Klaus Lüdicke, der einen Runden Tisch mit dem Staat wegen mangelnder Zuständigkeit – genauer wegen der Verjährung – ablehnt. Nachzulesen ist die Meinung von Lüdicke in einem Beitrag der Tagesschau: Zum einen wird damit klar, dass Lüdicke die Kirche als Enklave sieht, die außerhalb jeglicher staatlichen Zuständigkeit steht. Und wenn er dann – und es klingt mehr als scheinheilig! – die Rücksicht auf die Opfer von Kindesmissbrauch fordert, beeilt er sich sofort, auch die armen beschuldigten Priester als Opfer zu sehen, die ja unter den Vorwürfen so unsagbar leiden, weil sie das Stigma des Missbrauchers nie wieder los würden.

Ja, die armen Priester, die damals Kinder missbraucht haben und dummerweise wegen der Verjährung auch außerhalb der stattlichen Gerichtsbarkeit stehen – die tun mir auch wirklich leid, Herr Lüdicke!

Meine Meinung: Solange es solche Menschen wie Lüdicke und solche Aussagen aus den Reihen der Kirche gibt, so lange wird sich nie etwas ändern – die Rolle des Papstes mal gar nicht weiter hinterfragt.

Es wäre schön, wenn die Kirche (egal ob katholisch, evangelisch oder orthodox) eine wirkliche, überzeugende Glaubwürdigkeit zurückgewinnen würden. Denn ich halte die Kirche nach wie vor für einen wichtigen Gegenpol gegen andere Glaubensüberzeugungen oder Religionen, in deren Namen (und meiner Meinung nach falsch ausgelegten Namen) radikale Taten vollbracht werden. Doch solche Phasen kennt die Geschichte der katholischen Kirche ja auch zur Genüge und darf sie wohl kaum als Ruhmesblatt bezeichnen – denken wir nur mal an Kreuzzüge, Inquisition, Ablass, Exorzismus und mehr, deren Spuren ja durchaus noch in der Welt des 21. Jahrhunderts aufzufinden sind.

Gut, hier kann man lange diskutieren (habe ich schon erwähnt, dass ich – allerdings evangelische – Theologie studiert habe und ich mich insbesondere dabei für Kirchengeschichte interessiert habe? Und warum fällt mir der Römerbrief von Paulus an dieser Stelle wieder ein? Ich habe in Erinnerung, dass darin auch sehr viele Frauen angesprochen werden, was ein deutliches Zeichen dafür ist, welch wichtige Rolle damals schon Frauen in den ersten Gemeinden eingenommen haben. Und was hält zum Beispiel die Russisch-Orthodoxe Kirche von Frauen in Kirchenämtern? Gar nichts. Da nehmen sich einige Menschen – Männer – einfach zu wichtig und werden so wieder oder weiterhin unglaubwürdig. Oder?

Diese Beiträge passen zum Thema und könnten auch interessant sein:

Elmar FriebeDas ist ein Beitrag von: Elmar Friebe

Ausgebildet als Lehrer mit Zweitem Staatsexamen war ich in den 80er-Jahren von einem bundesweiten Einstellungsstopp betroffen. So landete ich Ende der 80-Jahre bei einem Computer-Magazin und bin seitdem als IT-Journalist tätig - und bereue es in keinster Weise. Dieser Blog ist eine rein private Webseite - und ich freue mich immer über interessante, positive oder kritische Kommentare zu den Beiträgen. Zu finden bin ich auch bei Google+ und bei Facebook.

  • Website: http://www.digiversum.de


HINWEIS: Die Datenschutzerklaerung habe ich gelesen und akzeptiert, wenn ich einen Kommentar schreibe.

Da ich derzeit sehr viele Spam-Kommentare erhalte, kommen alle Kommentare nun zuerst in die Moderation. Es kann also ein wenig dauern, bis ein neuer Kommentar sichtbar wird.

Eventuell zweimal auf Absenden klicken zum Abgeben des Kommentars. Warum das notwendig ist, habe ich noch nicht herausgefunden ...

Hinterlasse einen Kommentar

Du musst zum Kommentieren angemeldet sein.